Diese Frage lese ich gerade öfter im Zusammenhang mit dem Prozess gegen mutmaßliche Betreiber einer betrügerischen Online-Trading-Plattform.
Ich glaube, sie ist die falsche Frage.
Vor einiger Zeit habe ich mit einem entfernten Bekannten, der Opfer eines vergleichbaren Anlagebetrugs geworden ist. Was viele überraschen würde: Er war weder leichtgläubig noch besonders risikofreudig, ganz im Gegenteil.
Er wollte schlicht mehr aus seinem Ersparten machen als mit dem Sparbuch. Also informierte er sich, mied offensichtliche Werbeversprechen und meldete sich beim Newsletter eines scheinbar seriösen Anbieters an, um mehr über diese Anlageform zu lernen.
Dann passierte etwas, das wir alle aus unserem Alltag kennen: Vertrauen entstand.
Er bekam eine persönliche Beraterin, sie war hilfreich bei technischen Problemen, hatte gute Tipps zur Sicherheit beim Online Banking, empfahl erstmal kleine Beträge zu investieren und war einfach die Kundenbetreuerin wie jeder von uns sie sich wünscht.
Sicherheitsmechanismen wie Zwei-Faktor-Authentifizierung und TAN-Verfahren waren vorhanden. Mein Bekannter konnte die Entwicklung seiner Anlagen in seinem Onlinekonto tagesaktuell verfolgen. Alles wirkte professionell, alles war professionell.
Erst als er sich einen Teil seines Geldes auszahlen lassen wollte, begann das Kartenhaus zusammenzufallen.
Am meisten beschäftigt mich bis heute unser Gespräch danach. Ich musste ihm verständlich machen, dass das Geld schon lange nicht mehr existierte und die angezeigten Kontostände nie mehr waren als Teil einer perfekt inszenierten Fassade.
Er konnte das kaum glauben.
Nicht, weil er naiv war. Sondern weil in seinem Weltbild ein seriös wirkender Finanzdienstleister das Geld seiner Kundinnen und Kunden nicht einfach verschwinden lässt.
Genau deshalb sollten wir vorsichtig sein, wenn wir glauben, uns könnte so etwas nicht passieren. Moderne Betrugsmaschen nutzen häufig keine technischen Schwachstellen aus.
Sie nutzen Vertrauen.
Mein persönliches Fazit: Cybersecurity wird häufig mit Firewalls, Technik, Verschlüsselung oder Schadsoftware in Verbindung gebracht. Dabei geraten die eigentlichen Angriffsziele leicht aus dem Blick: unsere Entscheidungen, unsere Routinen und unser unserer persönliches Weltbild. Kurz, unser Vertrauen.
Deshalb ist Cybersecurity längst kein reines IT-Thema mehr. Wer in Unternehmen Verantwortung trägt, sollte nicht nur in Technik investieren, sondern auch verstehen, wie professionell Angreifer Vertrauen aufbauen, Entscheidungen beeinflussen und menschliche Verhaltensmuster ausnutzen.
Vielleicht sollten wir deshalb künftig eine andere Frage stellen:
Nicht: „Wie konnte das Opfer darauf hereinfallen?“
Sondern: „Woran hätte ich erkannt, dass etwas nicht stimmt? Hätten meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder ich selbst es tatsächlich erkannt?“
alexander